Afghanistan: Krieg oder Terrorismus aus der Luft?
Es gibt keinen Krieg in Afghanistan. Krieg erfordert logischerweise mindestens
zwei Seiten. Was
gegenwärtig stattfindet, ist die Bombardierung Afghanistans durch die USA.
In dieser neu entdeckten
Taktik der einzigen Supermacht der Welt und selbsternanntem internationalen Sheriff,
haben Terror und
Einschüchterung im grossen Stil formell den Krieg ersetzt. Nach Vietnam wurde
entschieden, dass die
amerikanische Gesellschaft nie wieder Zeuge werden soll, wie Soldaten in Leichensäcken
von weit
entfernten Schlachtfeldern zurückkehren. Der Preis dafür wird nun zu
bezahlen sein von den
unglücklichen Zivilisten dieses elenden Landes, welches, nach den halbgaren
Theorien des Dr.
Strangeloves des Nationalen Sicherheitsrates und des US Verteidigungsministeriums,
die Bastion des
aktuellsten Erzfeindes der USA und des neuesten Anführers des "Reichs
des Bösen" ist. Die Opfer, die
das US Militär vermeiden will, werden statt dessen hundertfach von unschuldigen
Zivilisten erbracht,
welche kaum ihren Lebensunterhalt haben, in einem armen Lande am Rande der Welt.
Den einen Tag
sind es die Menschen im Irak, die den Jackpot ziehen, am nächsten Tag sind
es Jugoslawien, Lybien oder
Afghanistan. Im Schutz der Dunkelheit, von aus großer Höhe und außer
Reichweite fliegenden
Flugzeugen und von Kriegsschiffen und U-Booten, versteckt in weit entfernten Ozeanen,
werfen sie
zehntausende Tonnen von Bomben und Raketen auf die Menschen und ihre Städte.
Sie rühmen sich
damit, dass sie dieses Land "zurück in die Steinzeit" schicken,
und doch behaupten sie, dass die
moralisch "smarten" amerikanischen Bomben darauf programmiert sind,
nur die Schuldigen zu treffen.
Das Ziel ist einzuschüchtern; die ganze Gesellschaft einzuschüchtern;
durch Angst zu regieren - Angst vor
Tod und Vertreibung, Angst vor totaler Vernichtung einer ganzen Wirtschaft und
zivilen Gesellschaft; zu
dem Punkt, an dem die Gesellschaft gelähmt ist und Widerstand unmöglich
wird. Heutzutage sind die US-Bodentruppen
nur die Jagdhunde, die die leblose Beute zurückbringen, nachdem die Schiesserei
zuende
ist und der Staub sich gesenkt hat. Niemand kann eine Kriegserklärung an
die Taliban verurteilen - auch
nicht die USA oder der Westen. Die Taliban müssen gehen und können nur
mit Gewalt und durch
militärische Aktionen beseitigt werden. Die Feindschaft zwischen dem Westen
und den Taliban ist ihrer
bisherigen Freundschaft sehr vorzuziehen. Niemand will der Beseitigung von Mördern
im Wege stehen,
welche zuerst durch den Westen selbst aufgebaut wurden. Aber es gibt einen Unterschied
zwischen Krieg
und Terrorismus. Die Aktionen der USA und Englands in Afghanistan sind Terrorismus.
Die
Bombardierung von Städten und Wohngebieten muss verurteilt und gestoppt werden.
Wertlose Mythen
über die militärische Tapferkeit der Taliban und über Afghanistans
Geschichte, Supermächte in die Knie
zu zwingen, verstärken und nähren nur die terroristischen Methoden der
USA und Englands. Die
afghanischen Mujahedin waren lediglich Fassade für den Westen und die USA
in ihrem Krieg gegen die
Sowjetunion. Die Taliban sind eine kriminelle Drogenbande, die erschaffen wurde
durch den Westen mit
der Unterstützung Pakistans und Saudi Arabiens. Sie können sie ausschalten
und innerhalb von Wochen
entfernen. Aber Luftterrorismus ist sicherer, spektakulärer, passender für
eine Supermacht und
geeigneter, um der unzufriedenen Bevölkerung der Welt eine Lektion in der
Tugend des Gehorsams zu
erteilen. Wir müssen diese inhumanen Methoden bekämpfen.
Von den Taliban zum politischen Islam
Die Aktionen der USA und Englands, sogar wenn sie zum Fall der Taliban und zu
Bin Ladens Tod führen,
vermindern nicht die Drohungen des islamischen Terrorismus gegen den Westen, sie
lassen ihn
eskalieren. Westliche Führer wissen das genau und warnen sogar öffentlich
ihre Bürger. Jedoch, die Wahl der USA, Afghanistan zum Schauplatz der Rache
für die Grausamkeiten des 11.September zu machen,
hat zwei fundamentale Gründe.
Erstens, selbst wenn die USA zugestehen, dass islamischer Terrorismus und der
antiwestliche Hass den
er nährt, ein politisches Problem ist, mit einer politischen Lösung,
so sehen sie doch eine rein politische
Lösung für einen derart riesigen physischen und militärischen Angriff
auf die USA am 11. September als
unzureichend und unbefriedigend an. Militarismus ist Teil und Gegenstand der offiziellen
Ideologie in den
USA und eine Grundlage ihrer Identität als Supermacht. Somit kann für
die US-Regierung ein Angriff auf
die USA nur angemessen beantwortet werden mit einem Angriff auf irgendjemanden,
irgendwo anders.
Für die USA kann nur eine militärische Antwort den 11.September "rächen",
unabhängig von den Wurzeln
und Ursachen des politischen Islam und des islamischen Terrorismus. Diese militärische
Aktion muß
riesig sein und die "Wut und Kraft" der USA ausdrücken; es muß
ihre Rücksichtslosigkeit zeigen. Eine
riesige militärische Aktion, wie auch immer, benötigt einen grossen
Schauplatz. Krieg benötigt ein
Schlachtfeld. Afghanistan ist nicht ausgewählt worden, weil Bin Laden sich
dort aufhält, im Gegenteil, Bin
Laden ist ausgewählt worden, weil er sich in Afghanistan aufhält. Da
gibt es viele wie Bin Laden,
Oberhäupter des islamischen Terrorismus, die öffentlich oder heimlich
im Iran, Großbritannien,
Frankreich, Ägypten, Pakistan, Libanon, Palästina, Tschechien und Baustein
leben. Die Idee, das der
islamische Terrorismus die Struktur einer Pyramide, eine definierte Hierarchie
mit Bin Laden an der Spitze
hat, ist lächerlich. Wer glaubt, dass (der iranische Ayatollah) Khamanei
unter Bin Laden in dieser
terroristischen Hierarchie gearbeitet hat? Der Schlüssel ist Afghanistan,
ein Land, welches das Szenario
für eine riesige militärische Aktion sein kann. Afghanistan ist der
einzige passende Schauplatz für die
Rache der USA in der massiven und einschüchternden Grössenordnung, wie
sie von der US-Admininstration
versprochen wurde. Zurzeit gibt es außerhalb Afghanistans keine solche militärische
Zielscheibe. Und hier beklagen sich westliche Führer noch über das Fehlen
hoher Gebäude und großer
Brücken, die zu zerstören wären.
Zweitens, wie wir in Teil 3 sagten, was durch den Konflikt mit den Taliban und
Bin Laden geklärt wird,
sind die Beziehungen und das Gleichgewicht der Macht zwischen den USA und dem
Westen mit dem
politischen Islam. "Der lange Krieg gegen den Terrorismus" ist ein Code
für einen Show-Down mit dem
politischen Islam. Vom amerikanischen Standpunkt aus, ist es ein Machtkampf, der
früher oder später die
Merkmale einer neuen Weltordnung definieren muß nach dem Fall der Sowjetunion.
Politischer Islam, ein
Nebenprodukt des Kalten Krieges, ist aufgetaucht als ein bourgeoiser Verfechter
für politische Macht,
sowohl in den Ländern des mittleren Ostens wie in "islamischen"
Vereinigungen in den westlichen
Gesellschaften. Diese Kraft ist eine Macht oder hat bedeutsame politische Hebelkraft
in Teilen der Welt,
wie z.B. in bedeutsamen Ländern wie Iran und Pakistan. Sie ist ein Mitspieler
im Kampf um die Zukunft
von Palästina und Israel. In der früheren Sowjetrepublik richtete sie
Schaden an dicht bei empfindlichen
Kernarsenalen. Im Westen, dank Saudi Arabiens Geld, lokalen Staatssubventionen
und der korrupten
Ideologie des kulturellen Relativismus, zieht es in vom Islam regierten Gebieten
die Jugend in Scharen
an. Für den Westen ist der politische Islam nicht länger das Werkzeug
und die Marionette, die ihm gut
nützte beim Zügeln der Sowjetunion, indem es die Linke daran hinderte,
Macht zu bekommen durch die
antimonarchistische Revolution im Iran und dadurch, Probleme für Arafat und
den arabischen
Nationalismus zu erschaffen. Jetzt ist diese Kreatur ehrgeiziger. Sie hat ihre
eigenen Ziele. Sie hat sich
befreit aus der Schirmherrschaft des Westens. Und am 11.September ist der politische
Islam aus
amerikanischer Sicht einen Schritt zu weit gegangen. Ein terroristischer Angriff
dieser Größenordnung im
Herzen der USA löste diesen unvermeidlichen Machtkampf aus. Diese Ereignisse
sind grundlegende
Momente und Stufen eines Machtkampfes zwischen den USA (und dem Westen) und dem
politischen
Islam. Vom amerikanischen Standpunkt aus, ist es ein Kampf mit islamischen Staaten,
islamischen
Parteien und der Gesamtheit der politischen islamischen Bewegung. Die Taliban
sind das schwächste,
verwundbarste und unwichtigste Symbol der Macht des politischen Islam im Mittleren
Osten und folglich
die passendste Stelle des Eintritts in einen umfassenden Machtkampf. Der Sieg
der USA in Afghanistan
wirkt sich nicht aus, weder militärisch noch praktisch, auf die Grundlagen
der politischen islamischen
Macht. Das wissen sie. Die Hauptzentren der Macht liegen primär im Iran,
Saudi Arabien und in
islamischen Organisationen in Ägypten, Libanon und Palästina. Dieses
ist jedoch ein Machtkampf und
nicht ein Kampf um Leben und Tod. Afghanistan ist der einzige Schauplatz, wenigstens
im gegenwärtigen
Gefüge der Welt, wo in der Tat zur Zeit ein militärischer Konflikt zwischen
den USA und dem politischen
Islam stattfinden kann. Es ist der einzige Schauplatz, wo der "lange Krieg
gegen den Terrorismus" mit
einer dramatischen und spektakulären Aktion beginnen kann, ohne totales Chaos
zu verursachen.
Dieses ist ein politischer Konflikt
"Der lange Krieg gegen den Terrorismus" ist eigentlich ein Machtkampf
zwischen den USA und dem
politischen Islam. Nach Afghanistan wird die Konfrontation im Grunde politisch
sein, auch wenn sich beide
Seiten gelegentlich bestimmten militärischen und terroristischen Aktionen
zuwenden. Das Ziel der USA in
diesem Krieg ist es nicht, den politischen Islam auszuschalten. Entgegen der selbstherrlichen
Propaganda
der sogenannten reformistischen Splitterparteien im Iran, sind es nicht die politischen
Fertigkeiten des
Herrn Chatami, die den Iran vor der Bombardierung geschützt haben. Ein Angriff
auf den Iran und ein
derartiger Bombenkrieg gegen dieses Land, sind überhaupt nicht Teil der westlichen
Planungen. Die
Vorstellung, das die USA in einen militärischen Konflikt eintreten würde
gegen Land nach Land, die zu der
Liste derer gehören, die einst als Terroristen abgestempelt wurden, ist außerordentlich
oberflächlich. Das
Ziel der USA bei dieser Vorstellung ist es, weder den politischen Islam auszuschalten,
noch islamische
Regierungen zu stürzen, sondern seine eigene politische Hegemonie aufzudrängen
und die Regeln des
Spieles zu definieren. Vom amerikanischen Standpunkt aus, muss die islamische
Bewegung ihre Grenzen
kennen. Sie muß ihr Einsatzgebiet auf die Region beschränken, ihren
eigenen Platz begreifen und die
spezielle Position der USA anerkennen. So können islamische Regierungen nicht
nur stark bleiben,
sondern außerdem ist sogar Terrorismus noch erlaubt, unter der Bedingung,
dass seine Opfer die
Kommunisten und die Linken im Iran, in Afghanistan, Pakistan und der Türkei
sind. Aber ein Angriff auf
dem Boden Amerikas geht zu weit. Die USA wollen diese Lehre und diese Gleichung
dem Mittleren Osten
nahebringen.
Dies ist ein Machtkampf, und keine Auseinandersetzung über den Islam, Liberalismus,
die westliche
Demokratie, den Frieden, die Zivilisation, die Sicherheit oder den Terrorismus.
Dies ist ein Kampf
zwischen der amerikanischen Supermacht und einer regionalen politischen Bewegung
mit einer globalen
Reichweite, die um Macht im Mittleren Osten kämpft. Es ist ein Kampf darum,
Einflußgebiete zu definieren
und politische Vorherrschaft. Der Westen beabsichtigt nicht, westliche Demokratien
im Mittleren Osten zu
etablieren. Die USA, Pakistan, Iran und ein ganzer Haufen anderer Reaktionäre
in der Region schmieden
schon eifrig ein Komplott, um den Menschen von Afghanistan ein anderes despotisches
und
rückständiges Regime aufzuzwingen. Iran, Saudi Arabien, Pakistan und
die Golf Emirate, die
reaktionärsten Regime der Welt heutzutage, sind offen oder stillschweigend
auf der Seite des Westens in
diesem Konflikt. Sogar wenn islamische Regierungen fallen, werden die bevorzugten
Alternativen des
Westens die lokalen und regionalen rechten Flügel und die reaktionären
Parteien, Militärjuntas und
Polizeistaaten sein.
Die USA machen keine Geschichte
Aber der Westen bestimmt nicht die Zukunft. Die gegenwärtige US-Politik und
Aktionen werden
zwangsläufig die gegenwärtige politische Struktur des Mittleren Ostens
zerschlagen, aber andere Kräfte
werden über die alternativen Verhältnisse bestimmen, die dann Gestalt
annehmen. Zweifellos wird die
Konfrontation zwischen dem Westen und dem politischen Islam die islamische Bewegung,
islamische
Parteien und islamische Regierungen schwächen. Aber diese Konfrontation findet
nicht auf einer leeren
Bühne statt. Der Mittlere Osten, genauso wie der Westen, sind das Szenario
der Konfrontation zwischen
sozialen Bewegungen, die schon vor dem Konflikt zwischen der westlichen Bourgeoisie
und dem
politischen Islam existiert haben, und die die politischen Entwicklungen in allen
Gesellschaften geformt
haben. Der Konflikt des Westens mit dem politischen Islam ist trotz seiner Wichtigkeit
nicht das
Antriebsrad und die bewegende Kraft der Geschichte. Im Gegenteil, er hat selbst
einen Platz in dieser
Geschichte und wird dadurch definiert. Der Konflikt um die neue Weltordnung hat
wichtigere Mitspieler.
Soziale Klassen und ihre politischen Bewegungen, ob im Westen oder im Mittleren
Osten, stehen sich
gegenüber um die politische, wirtschaftliche und kulturelle Zukunft der Welt.
Es sind diese Bewegungen,
die den letztendlichen Kurs dieser Ereignisse bestimmen, ungeachtet der gegenwärtigen
Pläne und
Forderungen der westlichen Staatsmänner und der Anführer des politischen
Islam.
Soweit es den Mittleren Osten betrifft, auch wenn der Westen auf einen unwichtigeren
Schauplatz des
politischen Islam und der Definition eines neuen Rahmens der Koexistenz abzielt,
werden die weltlichen,
sozialistischen und fortschrittlichen Bewegungen in der Region auch unter diesen
neuen Bedingungen
nach vorne kommen. Zum Beispiel wird, meiner Meinung nach, der politische Islam
im Iran zerschlagen werden, nicht weil der Westen ein solches Ziel verfolgt, sondern
weil die Menschen des Iran und die
Arbeiterkommunistische Bewegung an ihrer Spitze die Islamische Republik stürzen
werden. Die
Zerschlagung der Islamischen Republik wird der grösste Schlag gegen den politischen
Islam sein. Wenn
die Lösung der Palästina-Frage die Vorbedingung für die Entfernung
der politischen, intellektuellen und
kulturellen Ursachen des Wachstums des politischen Islams ist, so ist der Sturz
der Islamischen Republik
im Iran eine Vorbedingung für die Zerschlagung des politischen Islam als
eine Bewegung, die nach Macht
im Mittleren Osten strebt. Ohne die Islamische Republik Iran, wird der politische
Islam eine ergebnislose
und unwesentliche Opposition im Mittleren Osten werden.