Das Kopftuch und die gesellschaftliche Identität des Menschen (Teil 2).

Teil 2 des Interviews von Azadi-e Zan ("Freiheit der Frau") mit Hamid Taghvaie, erstmals veröffentlicht am 8.01.2004 in der Nr. 49 dieser persischsprachigen Wochenzeitschrift.


Azadi-e Zan: Wenn Sie vom Kopftuchverbot in Ausbildungs- und Arbeitsstätten sprechen, beschuldigen Ihre Gegner Sie des "Zwangs bei der Beseitigung des Hijab". Was ist Ihre Antwort?

Hamid Taghvaie: Erstens lautet meine Forderung nicht nur Kopftuchverbot, sondern Verbot jeglicher religiöser, ethnischer, nationaler, rassischer etc. Symbole. Und zweitens nicht nur in den Ausbildungs- und Arbeitsstätten, sondern in jeder Institution und Zusammenkunft, in der die Menschen gesellschaftliche Beziehungen miteinander eingehen. Anscheinend erschwere ich damit noch die Anklage gegen mich. Aber genau mit der Ausweitung der Frage erreichen wir ihre Lösung und die menschliche Logik dieser Lösung. Im Grunde geht es, wie schon gesagt, darum, dass die Menschen in ihren gesellschaftlichen Beziehungen zueinander, sei es nun in der Fabrik oder der Schule, in einem Kulturverein, Sportteam oder in öffentlichen Verkehrsmitteln etc., als Bürger, also ausschließlich mit ihrer gesellschaftlichen Identität erscheinen sollten. Warum? Der Grund ist klar. Die nichtgesellschaftlichen Identitäten stehen dem Grund und Zweck dieser Organisationen und Zusammenkünfte entgegen und stören ihre Aktivität. Sie geraten also mit der Funktion und dem Zweck der Institutionen, Einrichtungen und Vereinigungen in Widerspruch, die auf der Basis von Zusammenkunft, Zusammenarbeit und Kooperation der Personen - also genau ihrer gesellschaftlichen Identität - entstanden sind. Und deshalb müssen sie verboten werden.

Die Spaltung und Trennung der Mitglieder der Gesellschaft voneinander ist nur ein Aspekt der Sache. Auf einer grundlegenderen Ebene geht es darum, dass in der Gesellschaft und den gesellschaftlichen Beziehungen zwischen den Personen ihre religiösen, nationalen, ethnischen und rassischen Identitäten prinzipiell nicht anerkannt werden dürfen. Die Angestellte, der Arbeiter, die Schülerin, der Busfahrer und seine Passagiere treten als Bürger und Mitglieder der Gesellschaft in diesen Funktionen auf und nicht als Muslime oder Juden, Perser oder Türken, Schwarze oder Weiße. Religiöses Outfit verstößt, genauso wie die Angabe der Religion in Personalausweis oder in Bewerbungsunterlagen und anderen offiziellen Dokumenten, gegen dieses Prinzip der Nichtanerkennung religiöser Identität. Wir sagen, die Religion darf nicht in offiziellen Dokumenten erwähnt werden, weil wir jegliche Art von Sonderrecht oder Einschränkung, jegliche Ausnahme und Sonderbehandlung aufgrund der Religion der Person, ob positiv oder negativ, fanatisch oder wohlmeinend, ablehnen. Eine Person, die ihren religiösen Ausweis über ihren Kopf gezogen hat, ebnet all diesen Konflikten den Weg. Dies ist ein weiterer prinzipieller Grund zum Verbot von Kopftuch in Institutionen und Versammlungen.

Azadi-e Zan: Man könnte sagen, der Hijab ist eine Privatsache und unterscheidet sich von der Angabe der Religion in den Identitätspapieren. Selbst wenn wir Hijab als eine religiöse Sache, und nicht nur als eine Art Kleidung betrachten, kann er als Privatsache angesehen werden. Genau so wie wir die Religion als eine Privatangelegenheit anerkennen. So bedeutet das Hijab-Verbot, dass Sie damit ein Recht, das durch das Gesetz als eine Privatangelegenheit anerkannt worden ist, verletzen. Was sagen Sie dazu?

Hamid Taghvai: Erlauben Sie, dass wir die Aussage "Religion ist Privatangelegenheit" etwas vertiefen. Üblicherweise wird angenommen, dass die Trennung der Religion vom Staat ausreicht, um die Religion zur Privatsache zu machen. Mit anderen Worten wird private Religion als Gegensatz zu staatlicher Religion bzw. zur Einmischung der Religion in den Staat verstanden. Diese Auffassung ist falsch. Auch bei der Betrachtung des Eigentums ist dieser Fehler verbreitet. Das staatliche Eigentum an den Produktionsmitteln wird der Abschaffung des Privateigentums gleichgesetzt. Während das Gegenteil des Privateigentums gesellschaftliches Eigentum ist und nicht staatliches (dieser "Fehler" hat übrigens seine eigenen klassenmäßigen Gründe, worauf ich hier nicht weiter eingehe). "Religion ist Privatsache der Personen" bedeutet also auch, dass Religion keine gesellschaftliche Sache ist und nicht nur keine staatliche. Die Trennung der Religion von Staat, Erziehung und Bildung ist nur ein Aspekt dieses nichtgesellschaftlichen Charakters der Religion. Die Religion wird erst dann wirklich und vollständig zur Privatsache, wenn sie als eine gesellschaftliche Sache kritisiert und negiert, bzw. in juristischer Hinsicht als eine gesellschaftliche Sache verboten wird. In unseren Parteidokumenten bezeichnen wir dies als "den Eingriff der Religion in die Gesellschaft unterbinden". Unser Programm geht in Sachen Religion, selbst auf dieser juristischen Ebene, über die Trennung der Religion von Staat, Bildung und Erziehung hinaus. Die Religion muss von der Gesellschaft getrennt werden. Die Personen können religiösen Glauben haben, sie können ihre religiösen Riten und Zeremonien abhalten, ihre religiöse Bekleidung und Symbole tragen, all dies aber privat. Und privat bedeutet nichtgesellschaftlich. Wenn der Moschee-Lautsprecher oder die Veranstaltung einer Predigt in der Wohnung einer religiösen Person die Bewohner des Viertels stört, so ist hier die Religion zu einer gesellschaftlichen Sache geworden und man muss sie stoppen. Religiöse Kleidung und religiöses Äußeres in gesellschaftlichen Institutionen sind auch eine "Störung" für die Beziehungen und die normale gesellschaftliche und zivile Funktion dieser Institutionen, und gehören deshalb verboten. Hier ist die religiöse Bekleidung nicht mehr eine private und persönliche Angelegenheit, weil sie eine gesellschaftliche Aktivität gestört und behindert hat. Ja, Sie haben Recht. Die Religion ist Privatsache. Und genau aus diesem Grund ist religiöse Kleidung in den gesellschaftlichen Positionen der Person verboten. Diese nichtgesellschaftliche - und nicht nur nichtstaatliche - Sicht auf die Religion geht weit über die Grenzen des Säkularismus hinaus.

Azadi-e Zan: Sie meinen also, der Säkularismus fordert nicht die nichtreligiöse Gesellschaft?

Hamid Taghvai: Nach meiner Ansicht muss man zwischen säkularem Staat und säkularer Gesellschaft unterscheiden. Säkularismus bedeutet Trennung der Religion vom Staat, von Bildung und Erziehung. Wenn wir aber eine säkulare Gesellschaft haben wollen, reicht das nicht. In der säkularen Gesellschaft müssen die gesellschaftlichen Beziehungen nichtreligiös sein, selbst wenn der Staat mit ihnen nichts zu tun hat. Sogar wenn ein säkularer Staat, in konsistenter Weise nichtreligiös bleiben will, muss er bis zur Trennung der Religion und den gesellschaftlichen Verhältnissen vorgehen.
Die Trennung der Religion vom Staat allein sagt nichts aus über Stellung und Einmischung der Religion in der Gesellschaft - besonders heute, wo wir uns mit der Politisierung der Religion und dem politischen Islam konfrontiert sehen.?????? Deshalb können z.b. Leute wie Ganji oder Khomeinis Enkel im Iran sich als säkular bezeichnen, obgleich sie nichts gegen die Präsenz der Religion in den gesellschaftlichen Beziehungen haben. Zwar bringt der Säkularismus dieser Leute selbst die Trennung der Religion vom Staat in einer verunstalteten und unzureichenden Form zum Ausdruck. Aber im Prinzip ist es diese Gleichgültigkeit des Säkularismus in der Kritik der gesellschaftlichen Präsenz der Religion, die solche Auffassungen erlaubt. Macht man die säkulare Gesellschaft nicht zum Ziel und zur Grundlage seiner Politik, öffnet man reaktionären Auffassungen vom säkularen Staat Tür und Tor. Dies geht nun schon soweit, dass wir heute Zeugen sind, wie der Säkularstaat nicht nur von den aus ihrer Gruft auferstandenen Vertreter der Bourgeoisie im Iran, sondern auch von der westlichen Bourgeoisie und den westlichen Staaten - besonders wenn es um 3.Welt-Staaten wie den Iran geht - gänzlich beiseite geschoben wird. Die ethnisch-national-religiöse Regierung, die sie im Irak zusammengeflickt haben ist nur ein Beispiel dieser offenen Verhöhnung des Säkularismus jeglicher Auslegung, und generell jeder modernen und zivilen Auffassung von Staat und Gesellschaft.

Azadi-e Zan: Sie erwähnen die Trennung der Religion von gesellschaftlichen Beziehungen in einer säkularen Gesellschaft. Bleibt in einer solchen Gesellschaft überhaupt noch ein Platz für den Hijab? Wird die Freiheit der Person in der Wahl des Hijab nicht vollkommen negiert?

Hamid Taghvai: Das Verbot des Hijab in den gesellschaftlichen Verhältnissen negiert nicht die persönlichen Freiheiten. Jede/r ist frei als eine Person, d. h. außerhalb gesellschaftlicher Beziehungen - in der Wohnung und in privaten Zusammenkünften, auf der Strasse oder im Privatauto und ähnlichen Situationen, in denen die Person nicht in gesellschaftliche Beziehungen eintritt - in jeder Art von Kleidung, Outfit und Schmuck zu erscheinen.

Azadi-e Zan: Aber es bleibt immer noch die Frage, dass Sie die individuellen Unterschiede, zumindest in der Gesellschaft und den gesellschaftlichen Beziehungen negieren wollen. Ist dies etwa die ewige Anschuldigung, dass der Sozialismus die Eliminierung individueller Unterschiede und gleichförmige Kleidung bedeutet? Was ist Ihre Antwort?

Hamid Taghvai: Was die Freiheit der Individuen in der Wahl ihrer Kleidung verletzt ist der Hijab und überhaupt religiöse Kleidung und religiöses Äußeres. Mit anderen Worten ist es die religiöse, ethnische und nationale Identität der Menschen, die im Widerspruch zu den individuellen Freiheiten steht und nicht die gesellschaftliche Identität. Der Standpunkt, der die Individuen nur als Bürger der Gesellschaft anerkennt, verteidigt in Wirklichkeit die individuelle Freiheit und den Willen in allen Angelegenheiten, so auch in der Wahl der Kleidung. Wir sagen, es soll nichts anderes als der individuelle Geschmack bei der Kleidungswahl der Person eine Rolle spielen. Wir wollen, dass den Individuen der Gesellschaft die volle Entscheidungsfreiheit gegeben wird. Die Religion will und sagt das genaue Gegenteil. Sie bringt in der Frage der Frauenkleidung Gott, Sünde, Vergebung, Paradies und Hölle ins Spiel und schreibt den Frauen gleichförmige Kleidung vor. Die Individualität von Frauen, die sich das Kopftuch überziehen, wird nicht nur in der Wahl der Kleidung, sondern in weiten Bereichen der individuellen und gesellschaftlichen Rechte negiert und mit Füssen getreten. Überhaupt ist die religiöse und genauso die nationale, ethnische oder rassische Identität nötig geworden, damit der individuelle Wille und die individuelle Freiheit negiert wird und die irdischen Vertreter der Religion und die ethnischen und nationalen Größen, d. h. die herrschende Bourgeoisie anstelle der Individuen entscheiden können. Der Hijab ist keine individuelle Freiheit, sondern ein religiöser Zwang. Und die Uniformiertheit der Frauen, die sich diesem Zwang unterwerfen, ist der erste und primitivste Ausdruck des Hijab. Der Sozialismus, von dem ich spreche, ist im Gegenteil die Bewegung für die Wiederherstellung des Willen des Menschen, in allen Bereichen des menschlichen Lebens!

Azadi-e Zan: Es wird behauptet, die Anwendung von Hijab in den westlichen Ländern sei die Betonung der Identität von Immigranten/innen, die unter dem Druck des Rassismus und der Rechtlosigkeit durch eben die westlichen Staaten stehen und den Hijab als eine Art sozialen Protest für die Erlangung ihrer Identität verstehen. Hat Ihrer Meinung nach der Hijab einen solchen Platz bei dieser Auseinandersetzung?

Hamid Taghvai: Die Rückkehr des Schleiers nach Europa ist prinzipiell eine politische Sache. Es ist ein Feldzug des politischen Islams, den, wie gesagt, die westliche Bourgeoisie selbst unterstützt hat, und der ihr selbst nun zur Plage geworden ist. Aber diese politische Kehrtwende wirkt sich auf individueller und sozialpsychologischer Ebene bei Immigranten aus in der Form der Annahme einer von den westlichen Gesellschaften unterschiedenen und gegen sie opponierenden Identität. Dies ist die Kehrseite der rassistischen Medaille und der erniedrigenden Haltung gegenüber den Immigranten in diesen Ländern. Rassismus und Religion ergänzen und verschärfen sich hier gegenseitig. Genauso wie auf politischer Ebene die militaristische Politik der neuen Weltordnung und der politische Islam sich gegenseitig ergänzende und verstärkende Faktoren sind. Üblicherweise wird gesagt, die Immigranten würden in den westlichen Ländern in eine Art Identitätskrise geraten; und es wird versucht, die Sache mit dem Zusammenstoss und dem Widerspruch zwischen den verschiedenen Kulturen, Religionen, Nationalitäten, Sitten und Gebräuchen zu erklären. Aber nichts von alledem ist die Ursache. Der Grund des Problems und die Wurzel dieser Identitätskrise liegt in der Nicht-Realisierung der zivilen Identität der Bürger, sowohl der immigrierten als auch der einheimischen. Der Immigrant, der, selbst wenn auf dem Papier eingebürgert, niemals tatsächlich als ein gleichberechtigtes Mitglied der Gesellschaft angesehen wird, und der einheimische Bürger, dessen rassistische und nationalistische Identität vor seiner Zivilisiertheit steht, diese beiden unsozialen Identitäten haben einander gegenüber eine Situation und ein Verhältnis geschaffen, was von beiden Seiten reaktionär und antihuman ist. Wenn es einen Widerspruch gibt, dann den zwischen diesen beiden Arten der unsozialen Identität und Kultur der Menschen. Die gesellschaftliche Identität und Kultur der Menschen ist universal und gerät mit dem Wechsel der Heimat nicht in Krise und Widerspruch. Es ist klar, dass für das Erreichen dieser universellen menschlichen Identität man jegliche Demonstration der Religion, also auch den Hijab, aus den gesellschaftlichen Beziehungen heraushalten muss. Mit der Betonung der nichtgesellschaftlichen Identität der Menschen wird ihre Identitätskrise nicht gelindert, sondern vertieft. Das immer verschärftere Versinken der Immigranten in ihrer eigenen Kultur, Religion und den Gebräuchen bedeutet ihre immer größere Entfernung von der universellen menschlichen Identität. Und dies ist die Wurzel und die Basis der sogenannten Identitätskrise, die in Wirklichkeit eine Identitätslosigkeit ist. Der richtige Weg, dem Rassismus, der Religion und dem Nationalismus der Immigranten sowie dem Ghettoleben und zweitklassigen Dasein der immigrierten Bürger zu entgegnen, und für die Beseitigung jeglicher Art von Differenzen und Reibungen überhaupt, die zwischen den verschiedenen Nationalitäten und Religionen in einer Gesellschaft existieren, liegt darin, dass alle diese verschiedenen Bevölkerungsgruppen ihre nichtzivilen Identitäten verlassen und dass ihre Identitätskrise durch die Betonung der gesellschaftlichen Identität Aller gelöst wird. Und dies führt uns auf rechtlicher Ebene wieder zum Verbot des Kopftuchs und jeder anderen religiösen, nationalen und sektenbezogenen Demonstration in den gesellschaftlichen Beziehungen unter den Mitgliedern der Gesellschaft.

Azadi-e Zan: Was ist Ihre Position zu den nationalen, religiösen und ethnischen Minderheiten in einer Gesellschaft? Aus Ihren Ausführungen scheint hervorzugehen, dass Sie die Rechte dieser Minderheiten nicht anerkennen?

Hamid Taghvai: Im Gegenteil. Nur aus dieser Position heraus kann man ein konsequenter Verteidiger der Rechte der Minderheiten sein. Die Betonung der zivilen Identität der Individuen der Gesellschaft bedeutet Anerkennung aller Minderheiten als Bürger, als gleichberechtigte Mitglieder der Gesellschaft. Schauen Sie, man kann auf zwei Arten behaupten, die Rechte der Minderheiten zu verteidigen. Das eine ist, ihre Situation und Existenz als eine nationale, religiöse, ethnische usw. Minderheit anzuerkennen und dann Sonderrechte für sie zu fordern. Etwas anderes ist es, von Grund auf die Frage der Minderheiten und die nationalen, religiösen, rassischen etc. Identitäten, die diese Minderheiten definieren, nicht anzuerkennen und alle nebeneinander als gleichberechtigte Bürger der Gesellschaft gelten zu lassen. Letzteres ist der wirkliche Lösungsweg. Der erste Weg löst das Problem nicht, sondern manifestiert und vertieft es. Genau so, als wenn jemand zur Wiederherstellung der Rechte von Armen, statt die Teilung der Gesellschaft in arm und reich abzulehnen, diese eben anerkennt und Sonderhilfen für die Armen fordert, in Wirklichkeit also die Reichen aufruft, den Armen Almosen zu geben. Das ist keine Bekämpfung der Armut. Das ist ihre Befestigung und Verschärfung.

Wenn man die Sache auf einer anderen Ebene betrachtet, sieht man, dass auch in dieser Herangehensweise eine vorzivilgesellschaftliche und feudalistische Auffassung von der Gesellschaft liegt. Prinzipiell ist die Zivilgesellschaft nicht eine Summe von nationalen, religiösen und ethnischen Minderheiten, so dass wir nun versuchen wollten, in ihr mit der Anerkennung von Sonderrechten für jede Gruppe eine Art Gleichgewicht herzustellen. Die menschliche Gesellschaft besteht aus gleichen Menschen und basiert auf der gesellschaftlichen, also gemeinsamen und allgemeinen Identität der Menschen. In der Klassengesellschaft wird diese gemeinsame menschliche Identität von der Klassenidentität, der nationalen, religiösen, ethnischen oder rassischen Identität der Menschen überschattet und negiert. Und dann tauchen in der Fortsetzung dieser Verletzung der menschlichen Identität der Mitglieder der Gesellschaft auch noch "Wohlmeinende" auf, die mit dem Klebstoff der Sonderrechte und des Kulturrelativismus etc. dieses unharmonische und verunstaltete Mosaik zusammenkitten wollen. Der Föderalismus, der heute von Seiten mancher politischer Gruppen in Iran gefordert wird, ist ein Beispiel für solche reaktionären Konzepte für die Organisation, und man muss besser sagen Desorganisation, der Gesellschaften aufgrund einer mittelalterlichen ethnisch-religiösen Auffassung von der menschlichen Gesellschaft. Dies alles sind Rezepte für Fesselung und Versklavung und nicht für Freiheit und Emanzipation.

Sowohl die Gesellschaft als auch das Individuum müssen, wollen sie sich befreien und frei sein, die religiösen, ethnischen, nationalen und rassischen Identitäten verneinen und zu ihrer gesellschaftlichen Identität zurückkehren. Wie ich schon sagte, ist die endgültige, umfassende und unumkehrbare Lösung der Sozialismus. Aber bis zum Erreichen des Sozialismus und um ihn zu erreichen, muss in den jetzt vorhandenen Gesellschaften auf rechtlicher Ebene die Rolle und der Einfluss der nichtgesellschaftlichen Identitäten der Menschen vollständig negiert oder minimiert werden.

Azadi-e Zan: Warum trennen Sie die menschliche Identität von Geschlecht, Religion und Nationalität? Ihre Gegner sagen: Jeder Mensch wird in einer bestimmten nationalen, ethnischen und kulturellen Geographie geboren und gehört also dieser Geographie an. Was ist Ihre Antwort?

Hamid Taghvai: Die Menschen sind, bevor sie einer besonderen nationalen, ethnischen und kulturellen Geographie angehören, Mitglieder der menschlichen Gesellschaft. Es ist die Gesellschaft, die der menschlichen Gattung und konkret jedem menschlichen Individuum, wo und in welcher Geographie es auch geboren worden ist, Gestalt gegeben hat. Der Mensch hat per Definition, weil er Mensch ist, Gesellschaftliche Identität. Gerade der Mensch, der, um sich selbst zu erkennen und vorzustellen genötigt ist, zu seiner Religion, Nationalität oder Ethnizität zu greifen, befindet sich in einer Identitätskrise. Seine gesellschaftliche bzw. menschliche Identität ist nicht anerkannt und realisiert worden.

Auf politischer Ebene stecken hinter solchen nationalen, religiösen und ethnischen Zugehörigkeiten und Identitätskonstruktionen die Zwecke der herrschenden Klasse in den heutigen Gesellschaften, also der Bourgeoisie. Gewöhnlich behaupten Parteien und Bewegungen, die Religion, Nationalität und Ethnizität hochhalten, dass sie auf diesem Weg, vermittels des nationalen und religiösen etc. Stolzes und Erfolgs in einem Land und mit der Sicherung der Interessen von Volk und Nation oder - um mit Ihren Worten zu sprechen - einer bestimmten kulturellen Geographie, schließlich das Menschenglück erreichen werden. Aber es geht gerade um diese Vermittler. Die Verteidigung menschlicher Interessen braucht keine Vermittler. Aber die Verteidigung der Interessen einer bestimmten Klasse unter dem Deckmantel der Menschlichkeit benötigt eben die nationale und religiöse Geographie und allerlei andere Vermittler. Gott, Fahne, Vaterland, Rasse etc., all dies ist notwendig geworden, um die Klassenteilung der Gesellschaft und die ökonomische und politische Überlegenheit einer Klasse über die Gesellschaft zu verbergen und um die Interessen der herrschenden Klasse als Interessen der ganzen Gesellschaft darzustellen. Gegen solche Politik und solche politischen Doktrinen und Parteien muss man direkt, unmittelbar und unabhängig von jeder kulturellen, nationalen und religiösen Geographie und von jeglicher Art übermenschlicher Werte, den Menschen selbst als Mittelpunkt und Basis nehmen.

Azadi-e Zan: Eine andere Frage, die hier aufgeworfen wird, betrifft die Position vieler europäischer Parteien, die sich selbst auch noch als links und progressiv verstehen, in der Verteidigung islamischer Strömungen gegen den amerikanischen Imperialismus und die westlichen imperialistischen Staaten. Von dieser Position ausgehend sind sie auch gegen das Kopftuchverbot. Was meinen Sie dazu?

Hamid Taghvai: Diesen Parteien kann man jedes Attribut zuerkennen, außer links und progressiv. Auf politischer Ebene ist für solche Parteien der Indikator, Wegweiser und Maßstab bei der Behandlung jeder Frage und bei jeder Positionierung die Gegnerschaft zu USA. In Wirklichkeit agieren sie wie eine pressure group, wie eine Gruppe mit besonderen Interessen und nicht wie eine politische Partei. In ihrer Logik ist jede Partei, Bewegung oder soziale Strömung, die sich gegen Amerika positioniert, progressiv und zu unterstützen. Wenn nun eine solche Strömung selbst, wie der politische Islam, Ursprung von Barbarei und Rückständigkeit ist, ändert das nichts an den Positionen dieser Parteien.

Sie erheben den Anspruch, gegen den Imperialismus zu kämpfen. Aber selbst ihre Auffassung vom Imperialismus ist auf dem Niveau ihrer islamischen Kameraden. Wer wirklich gegen den Imperialismus kämpfen will, wird nicht zum Bündnis- und Weggenossen des Fortsatzes imperialistischer Politik der letzten 2 Dekaden, nämlich des politischen Islams. Diese Parteien muss man als Teil der Abwärtsbewegung der westlichen Gesellschaften betrachten. Die Verteidigung des islamischen Hijab als eine antiimperialistische Waffe durch diese Kräfte bestärkt uns in der Richtigkeit unserer Positionen. Sowohl in der Kopftuchfrage als auch gegenüber dem Imperialismus und dem politischen Islam.

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Übersetzung: R. Nouri