Das Kopftuch und die gesellschaftliche Identität des Menschen (Teil 1)

Ein Interview der persischsprachigen Wochenzeitschrift Azadi-e Zan ("Freiheit der Frau") Nr 48, vom 1.1.2004, mit Hamid Taghvai


Azadi-e Zan: Jacques Chirac sagt, dass er, um die nationale Einheit der französischen Republik und die laizistischen Grundlagen ihrer Gesetze zu wahren, für das Verbot von Kopftuch und anderen religiösen Symbolen in Schulen und Arbeitsstätten eintritt. Sind Sie einverstanden mit einem solchen Verbot? Warum?

Hamid Taghvai: Ja, ich bin ganz einverstanden. Natürlich nicht aus den selben Gründen wie Herr Chirac. Ich weiß nicht, wieweit sich der französische Arbeiter mit Herrn Chirac und seinesgleichen in Einheit fühlt. Es geht hier nicht um die nationale Einheit und solcherlei nationalistischen Unsinn, den die Regierungen gewöhnlich bei jeder Gelegenheit der Bevölkerung aufzutischen versuchen. Es ist eher der Laizismus, der hier die Sache erhellt. Aber selbst eine laizistische Gesetzgebung bietet meiner Meinung nach keine vollständige und umfassende Behandlung der Sache. Meiner Meinung nach würden die großen französischen Revolutionäre, wenn sie sich heute zum Kopftuchverbot äußern sollten, sich auf die Grundlagen der Zivilgesellschaft und die Rechte der Bürger/innen beziehen. Und aus dem selben Grund bin auch ich für Kopfverbot. Meine Aussage ist, dass die Bürger/innen rechtlich gleich sind und dass daher ihre ethnische, religiöse bzw. sekten-, kasten- oder klassenbezogene Identität nicht zum Maßstab der gesellschaftlichen Verhältnisse werden sollte, die sie mit einander eingehen. Das Kopftuch (der Hijab), wie jede Bedeckung bzw. Schminkung oder jedes andere äußere Symbol, das Religion, Ethnie bzw. generell eine besondere Identität der Person jenseits der bürgerschaftlichen Identität zur Schau stellt, widerspricht dem Prinzip der gesellschaftlichen Identitätsdefinition der Personen und muss deshalb verboten werden. Mit anderen Worten: ich bin aus dem selben Grund gegen den Hijab, weshalb ich auch gegen die Erwähnung der Religion der Personen in ihren Personalausweisen und anderen Identitätsdokumenten bin.

Azadi-e Zan: Es scheint, Ihre Argumentation geht über die Frage des Säkularismus, des Laizismus oder der Trennung der Religion von Bildung und Erziehung hinaus. Würde eine solche Herangehensweise, in diesem konkreten Fall, der klar durch den Ansturm des politischen Islam entstanden ist, das Auftreten gegen die Religion nicht entschärfen? Ist es nicht zu allgemein?

Hamid Taghvai: Es stimmt zwar, dass meine Argumentation über Säkularismus und Laizismus hinaus geht. Dies bedeutet aber nicht eine Entschärfung des Angriffs gegen den politischen Islam. Im Gegenteil. Dies ist eine tiefergehende und grundsätzlichere Kritik des Eingriffs der Religion nicht nur in Staat, Ausbildung und Erziehung, sondern in alle gesellschaftlichen Angelegenheiten und Verhältnisse. Nach meiner Meinung ist der Ausgangspunkt der tiefsten Kritik der Religion die gesellschaftliche Identität der Menschen. Sie ist die Grundlage unserer Arbeit nicht nur bei der Kritik der Religion, sondern auch bei der Kritik des Nationalismus, des Rassismus und des Ethnizismus. Bei unserem Gespräch hier geht es zunächst mal um den Hijab. Von der Position des Säkularismus und der Trennung der Religion von Staat, Ausbildung und Erziehung kann man bis zum Kopftuch-Verbot für Mädchen unterhalb der gesetzlichen Volljährigkeit und in staatlichen Behörden und Schulen vorstoßen und es maximal auch noch auf alle religiösen Symbole und Zeichen ausdehnen. Aber der Hijab und andere religiöse Zeichen werden dann immer noch in weiten Bereichen der Gesellschaft erlaubt bleiben: in allen privaten Institutionen, in Fabriken und Produktionsstätten, in allen Organisationen und Vereinigungen, die weder Arbeits- noch Ausbildungsstätten sind etc. Nur gestützt auf Säkularismus hat man Hijab, religiöse Kleidung und Symbole noch vom größten Bereich der Gesellschaft nicht entfernt, obwohl diese äußeren Zeichen auch in all diesen Bereichen gegen die Frauen und gegen die ganze Gesellschaft schädlich und destruktiv wirken. Wenn z.b. der Hijab in der Schule oder in einer Behörde dem säkularistischen Prinzip entgegensteht, die Propagierung einer bestimmten Religion bedeutet, die Frau in eine untergeordnete Position bringt, unter den Menschen Zwietracht sät usw., so trifft dies alles für den Rest der gesellschaftlichen Bereiche auch zu. Der Säkularismus kann nicht in diese Bereiche vordringen und hat damit eine unvollständige und eingeschränkte Wirkung. Und selbst das auch nur gegenüber der Religion. Ethnizismus, Nationalismus, Rassismus und andere verbreitete antihumanen Identitäten fallen gänzlich aus dem Wirkungsfeld des Säkularismus heraus. Die Antwort ist, dass man von der gesellschaftlichen Identität der Menschen ausgehen muss, um in der Lage zu sein, selbst auf dieser rechtlichen Ebene alles an Religion, Nationalismus, Ethnizismus und sonstigen antihumanen Identitäten aus der Gesellschaft hinauszufegen.

Azadi-e Zan: Meinen Sie, dass dieser Blickwinkel Ihrer Kritik an die Wurzel geht? Warum?

Hamid Taghvai: Marx sagt, für den Menschen ist die Wurzel der Mensch selbst. Wenn man eine politische und gesellschaftliche Frage an der Wurzel lösen will, muss man zum Menschen zurückkehren und die Menschlichkeit in den Mittelpunkt stellen. Nach meiner Meinung basiert die gesellschaftliche Identität der Mitglieder der Gesellschaft direkt und unmittelbar auf ihrer Menschlichkeit. Prinzipiell ist der Mensch Mensch, weil er ein gesellschaftliches Wesen ist. Die Menschlichkeit des Menschen ist ohne seine Gesellschaftlichkeit und ohne die Rolle, die die Gesellschaft für die Existenz der Menschen, historisch für die Gattung Mensch und im Leben jeder Einzelperson und jedes Mitglieds der Gesellschaft zu jedem Zeitpunkt dieser Geschichte hatte und hat, prinzipiell nicht vorstellbar. Die anderen Identitäten , die im Verlauf der Geschichte der Klassengesellschaften den Menschen zugeschrieben worden sind - die religiöse, nationale, ethnische etc. Identität und eben die Klassenidentität - rühren alle von der Entfremdung der Menschen von dieser gesellschaftlichen Identität her, von ihrem Unvermögen, die durch die Existenz der Klassen und die Klassenteilung der Gesellschaft verursachten ungleichen Umstände, Rechtlosigkeiten und Nöte zu verstehen. Sie sind eine Art Trost und Verklärung dieser unmenschlichen Umstände. Religion, Ethnizität und Nationalität sind letztendlich und im tiefsten Grunde Produkt der Selbstentfremdung der Menschen in Klassengesellschaften. Daher muss die radikale Kritik der Religion, der Nationalität und Ethnizität bei dieser Selbstentfremdung ansetzen und die gesellschaftliche Existenz der Menschen gegenüber all diesen Einteilungen, die sämtlich auf irgendeine Weise Erscheinungen der Klassengesellschaften sind, zum Maßstab nehmen und hervorheben. Nicht nur bei der Kritik des politischen Islam, sondern auch bei der Kritik der Religion als ein Glaubens- und Denksystem und als eine Privatsache muss unser Bezugspunkt die gesellschaftliche Identität der Menschen sein.

Azadi-e Zan: Aber der Ansturm, der im Westen für die Sanktionierung des Hijab begonnen hat, ist direkte Folge des politischen Islam. Ist der Säkularismus auch in diesem Fall unzureichend?

Hamid Taghvai: Ja, so ist es. Der Säkularismus bietet selbst auf juristischer Ebene nur eine oberflächliche und stotternde Kritik des politischen Islam. Ich frage, woher stammt der politische Islam selbst? Er ist Produkt des politischen und kulturellen Rückschritts des Westens angesichts der linken Gefahr und der Gefahr des Sozialismus. Er ist Produkt der Außenpolitik des westlichen Kapitalismus gegen die Sowjetunion in den 80ern und für die Vorherrschaft in der monopolaren Welt nach dem Kalten Krieg in den 90ern. Er ist konkret Produkt der Eindämmung der 79er iranischen Revolution und der Eindämmung des Einflusses der Sowjetunion in Afghanistan durch den Westen, und auf kultureller Ebene Produkt der dekadenten Thesen des kulturellen Relativismus, Postmodernismus und der Rückkehr zur Religion sogar in den westlichen Gesellschaften selbst; Produkt des Auftretens der Weltreaktion gegen den Sozialismus und dessen menschliche Essenz, ja des Rückzugs der Bourgeoisie von den radikalen und progressiven Ideen der Großen Französischen Revolution. Ich denke, niemand kann sich vorstellen, dass es ohne die Islamische Republik, die Taliban, den Kulturrelativismus und den Postmodernismus heute in den entlegensten Dörfern Europas das Problem Kopftuch existieren würde. Es ist richtig, dass man dem politischen Islam den Krieg erklären muss. Aber dieser Krieg ist in seiner Essenz ein Kampf zwischen Sozialismus und Kapitalismus am Anfang des 21. Jahrhunderts. Dies ist ein wichtiges Kampffeld für uns Sozialisten. Genau so wie wir nach dem 11. September dem islamischen Terrorismus und dem Staatsterrorismus des Westens entgegengetreten sind und damit das Banner der zivilisierten Welt gehisst haben, müssen wir heute gegen den Hijab auftreten und damit als Vertreter der dritten Front, der Front der zivilisierten Bevölkerung der Welt, sprechen. Unsere Antwort ist in letzter Instanz der Sozialismus. Aber wir haben, wie auf allen anderen Gebieten, auch hierfür inmitten der vorhandenen Gesellschaften unsere eigenen bestimmten Antworten. Säkularismus und Laizismus sind zwar Teil dieser Antwort, lösen das Problem aber, wie gesagt, nicht einmal auf juristischer Ebene. Nach meiner Meinung wird in der Kopftuchfrage die zivilisierte Welt dadurch vertreten, dass die gesellschaftliche Identität der Menschen zum Prinzip gemacht wird. Wir müssen zugleich der dekadenten Bourgeoisie und dem politischen Islam, der ihre Kreatur ist, die gesellschaftliche Identität der Bürger entgegenstellen. Dies ist die juristische und praktische Antwort in eben diesen vorhandenen Gesellschaften, nicht nur gegen den politischen Islam, sondern auch gegen den Ethnizismus, den Rassismus und den dekadenten Nationalismus, was in der Welt nach dem kalten Krieg erstarkt ist.

Azadi-e Zan: Wollen Sie sagen, dass in der gegenwärtigen Welt der Säkularismus zu schwach ist, um seine Errungenschaften selbst gegen den politischen Ansturm der Religion zu verteidigen? Welche ist Ihre eigene Fahne der Verteidigung dieser Errungenschaften?

Hamid Taghvai: Der Säkularismus ist an sich eine fortschrittlich Sache, deren Verwirklichung man für alle Gesellschaften fordern muss. Aber das Problem ist, dass die säkularistische Kritik der Religion nicht mehr ausreicht. Lassen Sie uns diese Frage tiefer analysieren. Schauen Sie, wenn, trotz der Grossen Französischen Revolution und der Abrechnung der atheistischen Denker der Aufklärung mit Gott, die Religion heute immer noch existiert, liegt das daran, dass die Bourgeoisie sie braucht. Die Religion wird in den heutigen Gesellschaften jeden Tag wieder reproduziert, wegen des heutigen Bedarfs der Bourgeoisie danach. Der Existenzgrund von Papst, Vatikan und des politischen Islam in unserer Zeit ist nicht derselbe wie in der Zeit des Feudalismus. Die Bourgeoisie brauchte die Sklaverei nicht und sie hat sie ausgerottet. Sowohl auf der Gedankenebene als auch politisch und gesellschaftlich. Dasselbe hätte sie auch mit der Religion tun können. Aber man kann nicht die Existenz der Klassen akzeptieren und zugleich die Religion beseitigen. Die Bourgeoisie wollte und konnte nicht über die Trennung der Kirche vom Staat hinausgehen. Genauso wie sie im Zeitalter der Freiheit nicht über die parlamentarische Demokratie hinaus gehen kann. Sie sprechen vom politischen Ansturm der Religion. Aber wie ich schon erwähnte, ist die westliche Bourgeoisie selbst Wegbereiterin und Existenzursache dieses Ansturms. Die revolutionären Vorreiter der Bourgeoisie schritten bei der Kritik der feudalen Gesellschaft bis zur Austreibung von Gott aus der Sphäre der Philosophie, der Wissenschaft, des Staates, der Erziehung und Ausbildung voran. Angesichts der sozialistischen Kritik aber, angesichts der revolutionären Denker der Arbeiterklasse, sahen sie sich gezwungen, Gott wieder in all diese Sphären einzuführen. Die heutige Auferstehung und das Stolzieren des politischen Islam sind letztlich Produkt dieses Rückschritts und dieser Dekadenz. Es geht nicht nur darum, dass der Säkularismus zu einer gründlichen Kritik der Religion nicht imstande ist. Es geht darum, dass die Bourgeoisie sowohl auf der Ebene des Gedankens, der Ideologie und ihrer politischen Philosophie, als auch in der praktischen Politik sich vom Säkularismus verabschiedet hat. Die Kritik der revolutionären Denker der Bourgeoisie an der Religion und das Ideal einer religionsfreien Gesellschaft ist, wie die Idee von Freiheit und Gleichheit in der Grossen Revolution, eine Illusion und ein Widerspruch. Diesen Widerspruch kann man auf zwei Arten lösen. Der bürgerliche Lösungsweg dieses Widerspruchs ist der, den wir in der zeitgenössischen Geschichte der Welt beobachten konnten. Die herrschende Bourgeoisie nahm vom Beginn ihrer Machtübernahme an mehr und mehr Abstand von ihren revolutionären Illusionen. Sie wurde mehr "realistisch" und öffnete der Religion wieder einen Platz in Politik und Gesellschaft. Dies ist der Lösungsweg der Bourgeoisie für den Widerspruch, der Religion entgegenzutreten und die Klassengesellschaft erhalten zu wollen. Demgegenüber will die sozialistische Arbeiterklasse diese Frage im Sinne der revolutionären Ideen der Atheisten der Epoche der Aufklärung beantworten. D.h. die Existenzgrundlage der Religion, die Ausbeutung, die Teilung der Gesellschaft in Klassen aufheben und beseitigen. Dies bedeutet, der Rückkehr der Bourgeoisie von ihren anfänglichen revolutionären Ideen entgegenzutreten und, noch wichtiger, über diese Ideen hinaus zu gehen. Den politischen Islam kann man nicht mehr mit Säkularismus und Laizismus zur Seite schieben. Man muss das ganze verfaulte kapitalistische System, das des politischen Islams bedarf, stürzen. Unser Banner gegen die Religion, genau so wie auf dem Gebiet der Befreiung der Frau und für Freiheit und Gleichheit der Menschen, ist der Sozialismus. Und wir kämpfen zugleich mit aller Kraft für jeden Millimeter der Beförderung der heutigen Gesellschaften hin zu säkularen Gesellschaften und für die Austreibung der Religion aus allen Winkeln der existierenden Gesellschaften. Der Säkularismus ist, trotz der Wichtigkeit seiner Forderungen, nur Ausdruck der Minimalforderungen der Bevölkerung. Meiner Meinung nach ist es eine wirksame und kraftvolle Waffe, sich auf beiden Ebenen, nämlich in unserem strategischen Kampf für den Sozialismus, und bei der Vertreibung der Religion aus den bestehenden Gesellschaften auf die gesellschaftliche Identität der Menschen zu stützen. Dies kann sowohl die Basis unserer Rechtsphilosophie in den bestehenden Gesellschaften sein, als auch ein Schritt auf dem Weg zu unserem endgültigen Ziel. Der Sozialismus ist die endgültige und vollständige Rückkehr der Menschen zu ihrer gesellschaftlichen Identität.

Azadi e Zan: Sie betonen die gesellschaftliche Identität der Bürger. Was bedeutet das konkret? Und warum ist dies eine umfassendere Kritik als der Säkularismus? Könnten Sie es genauer erklären?

Hamid Taghvai: Meine Aussage ist konkret die: Wir sollten auf rechtlicher Ebene und aus der Sicht der Philosophie des Rechts der Bürger in den bestehenden Gesellschaften das Prinzip der gesellschaftlichen Identität der Menschen zugrunde legen. Meiner Ansicht nach müssen die Menschen in ihren gesellschaftlichen Beziehungen einander als Bürger, als gleichberechtigte Mitglieder der Gesellschaft gegenüber treten, und nicht als Personen aus einer Religion, Sekte, Nationalität, Ethnie, einem Stamm, einer Kaste oder einer bestimmten sozialen Schicht, allgemein gesagt, von jeder Art Identität, die ihnen eine von anderen unterschiedliche Stellung gibt. Dies ist die Basis des Bürgerschafts-Begriffs. In nicht zivilen Gesellschaften, z. B. in den mittelalterlichen Gesellschaften wurden die Personen prinzipiell in Adel und Untertanen unterteilt. Und dann hatten noch Hunderte religiöse und Stammesgruppierungen, Kasten und verschiedene gesellschaftliche Schichten jeweils ihre besonderen Rechte und Stellungen in der Gesellschaft. Die Adligen, die Geistlichen, die Untertanen, die Handwerker und Gewerbetreibenden, die Krieger. Und innerhalb dieser Gruppierungen hatten die verschiedenen religiösen und Stammessekten etc. jeweils ihre besonderen Rechte oder Rechtlosigkeiten. Diese Stellung spiegelte sich im äußern Erscheinungsbild dieser Personen, in ihrer Kleidung, ihrem Schmuck, ihren Umgangsformen und ihrer Lebensart. Und dies war gezwungenermaßen so. Wenn auch nicht per Gesetz - das Gesetz hatte in diesen vorbürgerlichen Gesellschaften prinzipiell nicht solche gesellschaftliche Bedeutung und Wirkung, sondern es war ein traditioneller religiöser und Kastenzwang. Niemand konnte sich andere Kleidung, anderen Schmuck, Wohnort, andere Umgangsformen etc. zulegen außer den durch seine gesellschaftliche Stellung, seine Klassen-, Stammes- und religiöse Zugehörigkeit bestimmten. Der Begriff des Bürgers und des Mitglieds der Gesellschaft existierte gar nicht. Die Ära der Aufklärung und der Großen französischen Revolution erhob sich zur theoretischen und praktischen Kritik dieser alten Welt und begründete die Zivilgesellschaften.

Eine der Grundlagen der Zivilgesellschaft ist die rechtliche Gleichheit der Personen und die Ersetzung der religiösen, Stammes-, Klassen- und Sektenidentität der Personen in ihren gesellschaftlichen Beziehungen in der feudalistischen Gesellschaft durch ihre gesellschaftliche Identität. Heute hat die Bourgeoisie, wie gesagt, im Grunde um der roten Gefahr entgegen zu treten, sich von den radikalen Ideen der Ära der Aufklärung abgewendet, und selbst wieder den Boden für die Aufteilung der Gesellschaften auf Basis von Religionen, Ethnizismus, Rassismus, dekadentem Nationalismus und ähnlichen antihumanitären Identitäten bereitet. Heute müssen wir Sozialisten diese Fahne aufrichten. So wie wir das auch generell auf dem Gebiet der politischen Freiheiten und der Frauenrechte etc. gemacht haben. Wenn Sie die gesellschaftliche Identität der Menschen zum Prinzip erklären, dann wird klar, warum das Kopftuch nicht nur aus Behörden und Schulen verschwinden muss, sondern aus jeder Institution, in der die Menschen gesellschaftliche Beziehungen miteinander eingehen. Wenn Ihre Rechtsphilosophie in der Betonung der gesellschaftlichen Identität der Menschen besteht, dann wird es klar, warum das Kopftuch und jegliche religiöse, sektenbezogene, ethnische Zurschaustellung und Schminkung in den gesellschaftlichen Beziehungen verboten werden sollten. Nichtzivile Identitäten, stören die Zivilgesellschaft. Wenn in Schulklassen das Äußere der Schülern oder Lehrern zeigt, dass sie Serben oder Kroaten sind, Moslems oder Juden, Bahai oder Schiiten, Hindus oder Moslems, Tschetschenen oder Russen usw., dann findet in einer solchen Schule alles statt außer Bildung und Erziehung. Genau so ist es in Fabriken, Behörden, Krankenhäusern, Sportvereinen und Mannschaften, in Kultur- und Kunstversammlungen, ja sogar in Kaufhäusern und öffentlichen Verkehrmitteln etc. Die Personen mit solchen unmenschlichen Identitäten miteinander in Beziehung zu setzen stört all diese Institutionen. Möglicherweise sagen Sie, das rechtliche Verbot sei keine Lösung und man müsste Koexistenz, Geduld und Toleranz gegenüber Anderen u. ä. in der Gesellschaft fördern. Bei natürlichen Unterschieden wie Hautfarbe und Rasse ist dies richtig, weil Personen ihre natürlichen Unterschiede nicht verstecken können und daher kein anderer Lösungsweg als Betonung von Koexistenz und Toleranz nicht vorstellbar ist. Aber was die religiösen, nationalen und rassistischen Gruppierungen betrifft, ist dies nicht nur kein Lösungsweg, sondern es wird dabei die Problemstellung gar nicht richtig erkannt. Das Problem ist nämlich wegen der Existenz von nationalem und religiösem Fanatismus überhaupt entstanden. Wer nicht fanatisch ist ob seiner Religion oder Nationalität, wird auch nicht auf die Beibehaltung des entsprechenden Äußeren und der Bekleidung pochen. Sie können von dem Juden, dem Hindu, dem Serben, dem Tschetschenen und dem Moslem, der von seiner ethnischen bzw. religiösen Kleidung und dem Äußerem nicht lassen kann verlangen, gegenüber anderen Stämmen und Religionen nicht fanatisch zu sein. Wäre er nicht fanatisch, gäbe es das Problem ja gar nicht. Sie müssen ihm per Gesetz die Demonstration der Gruppenzugehörigkeit verbieten, und auf kultureller und ideologischer Ebene, statt das Ertragen der anderen zu propagieren - was am Ende zum Kulturrelativismus führt - die Aufklärung über die gesellschaftliche und menschliche Identität der Personen auf Ihre Agenda setzen. Das ist nach meiner Meinung der Lösungsweg.
Diese Aussage ist nichts Neues. Die Bourgeoisie hat in der Grossen Französischen Revolution eben das getan, weil sie wollte, dass es zwischen den Menschen außer ihrer ökonomischen Stellung, als Besitzer von Produktionsmitteln und Besitzer von Arbeitskraft, keine anderen Unterschiede gibt. Und heute sind wir Sozialisten dafür, weil wir wollen, dass nichts anderes die Mitglieder der Gesellschaft unterscheidet als ihre Klassenidentität. Dadurch wird nicht nur in den bestehenden Gesellschaften ein besseres und menschlicheres Leben ermöglicht, sondern dies erlaubt uns, klar und durchsichtig die Aufteilung der Gesellschaft in Klassen ins Visier unsrer Kritik und unserer Angriffe zu nehmen und den Weg zur Beseitigung dieses letzten Hindernisses und zum Sozialismus zu ebnen.

Azadi-e Zan: Lassen Sie uns zum Kopftuch zurückkehren. Sie erwähnten die Ideen der Revolutionäre der Grossen Französischen Revolution. Es könnte gesagt werden, eine dieser Ideen ist die Freiheit der Kleidung, und dass Sie, mit dem Verbot des Kopftuchs, mit welcher Rechtsphilosophie auch immer, diese Freiheit unterbinden. Was ist Ihre Antwort?

Hamid Taghvai: Diese Frage kann man auf zwei Ebenen beantworten. Erstens, das Kopftuch ist nicht nur eine Art Kleidung, wie z.b. ein Kostüm. Wenn das der Fall wäre, wäre unter dem islamischen Regime das Nichttragens der Kopftuchs für niemanden eine Straftat und würde nicht mit Auspeitschung und mit Säure ins Gesicht geahndet werden. Das Kopftuch ist ein religiöser Zwang, sogar wenn die Frau es selbst gewählt haben sollte. Der Hijab ist nicht eine Art Kleidung, die sich etwa nur in Farbe, Schnitt und Stoff von anderen Kleidern unterscheidet. Der Hijab ist Verpackung der Frau als eine sexuelle Ware. Das Eigentum des Ehemanns, des Bruders oder des Vaters muss vor "fremden Augen" geschützt werden. Die Zugehörigkeit der Frau zum Mann als Eigentum, ihre Unterordnung und ihre Sklavenstellung sind im Hijab inbegriffen. Bei der Kritik des Hijab bezeichnet man es als Symbol der Unterordnung der Frau. Dies ist nicht ausreichend. Das Symbol einer Sache, so reaktionär die Sache selbst auch sein mag, kann an sich auch harmlos sein. Wie etwa die Fahne, die Symbol des Nationalismus ist. Oder der Davidstern, Symbol des Zionismus. Aber das Kopftuch ist nicht nur Symbol, es ist selbst Agent der Unterordnung und Sklavenstellung der Frau. Wie der Holzschuh chinesischer Frauen, der ihre Beweglichkeit behinderte, ist auch das Kopftuch selbst Agent der Festigung der Unterordnung der Frau. Wenn man die Ketten der Sklaven als ihren Schmuck ansehen könnte, dann könnte man auch den Hijab als eine Art Kleidung der Frauen bezeichnen. Auf einer tieferen Ebene aber, und wenn Sie den gesellschaftlichen Hintergrund und die Philosophie der Freiheit der Kleidung betrachten, sehen Sie, dass jener Kampf zwischen der Zivilgesellschaft und den mittelalterlichen Gesellschaften auch hier stattfindet. Die Freiheit der Kleidung wurde im Prinzip gefordert, um die Zivilkleidung in der Gesellschaft zu verbreiten, also Standardkleidung für alle Bürger im Gegensatz zu den religiösen, ethnischen, kasten- und klassenbezogenen Zwangskleidungen in den feudalen Gesellschaften. Freiheit der Kleidung bedeutet, die Kleidung darf nicht einem religiösen bzw. Sekten-Zwang unterliegen. Aus der Kleidung einer Person darf nicht ersichtlich sein, ob diese dem Adel angehört, den Kriegern, den Geistlichen, den Untertanen oder den Handwerkern oder welche Religion und Gesinnung sie hat und welcher Sekte sie angehört. Auch hier wollte die revolutionäre Bourgeoisie vor dreihundert Jahren, dass außer dem ökonomischen Unterschied, außer Armut und Reichtum, nichts anderes den Unterschied in der Kleidung und im Äußeren der Personen verursachen soll. Die Freiheit der Kleidung ist die Rückseite der Verbreitung von Zivilkleidung, der Standardkleidung für alle Bürger. Unter dem Vorwand der Freiheit der Kleidung nun wieder den Schleier in die Gesellschaft einführen zu wollen, ist eine bittere Ironie, die nur in unserer in den Abgrund geglittenen Zeit, und aufgrund der reaktionären Thesen des Kulturrelativismus und Postmodernismus und der Negierung der universalen Identität der Menschen möglich geworden ist. Und schließlich möchte ich in Zusammenhang mit der Freiheit der Kleidung betonen, dass dieses Recht, wie alle Rechte auch, nicht bedeutet, dass alle Bürger jeder Zeit und an jedem Ort es in Anspruch nehmen können. Viele Institutionen, Behörden und Arbeitsstätten haben einen Kleiderkodex. Genau so wie die Redefreiheit nicht bedeutet, dass Sie während Ihrer Arbeitszeit, im Büro oder in der Fabrik auf einen Hocker steigen und eine Rede halten können, bedeutet auch die Kleidungsfreiheit nicht das Tragen von jeder Art Kleidung in jeder Situation. Auch der Hijab, selbst wenn wir ihn als eine Art Kleidung akzeptieren, ist nur in Situationen frei, in denen die Frauen nicht in eine gesellschaftliche Beziehung mit anderen treten. D. h. also in ihren Wohnungen und auf den Strassen. An Stätten der Arbeit und Ausbildung, bei kulturellen und sportlichen Zusammenkünften etc. muss der Hijab verboten werden. Und dies steht nicht nur in keinem Widerspruch zum Grundsatz der Kleidungsfreiheit, sondern ist, im Gegenteil, dessen Fortsetzung und Konsequenz.


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Übersetzt aus dem Persischen von: R. Nouri